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Tagebuch

Tagebuch einer Reise in die Türkei im Jahre 1964


aufgeschrieben von Ursula K.

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5. September 1964
Abfahrt von Genève (Genf) um 04:15 Uhr
Braves Fahrzeug, treuer Reise-Esel und Foto-Star war "Fritzchen", eine Dauphine von Renault. Die Reiseroute des ersten Tages führte über Brigue, den Simplon, Stresa am Lago Maggiore, Milano, dann Autobahn in Richtung Venezia, Tagesendziel Bibione Pineda an der Adriaküste.
Mit frischerworbenem Führerschein schwang ich mich hinter das Steuer, denn man hatte mir versprochen die ersten 100 km sollen dir sein. So starteten wir die langersehnte Reise. Bei noch nächtlichem Himmel fuhren wir auf der französischen Seite des Genfer Sees Brigue entgegen, dort wo nicht nur der Morgen begann, sondern wo auch schon die Polizei unterwegs war. Was oder wen sie suchten weiß ich nicht, jedoch hielt sie auch uns an, um mich nach meinem Führerschein zu fragen.
Gleich hinter Brigue ging es, nach Steuerwechsel, hinauf in die Berge. Da die Passstraße des Simplon teils verbreitert, teils umgelegt wird, gab es manchmal kleine Autoschlangen und Stauungen. Die Abfahrt ins Tessin hinunter war besonders eindrucksvoll. Zuerst noch hohe Gipfel, bizarr geformt, durchzogen von engen zerklüfteten Schluchten, dann herrlich grüne Almen und bald wurde das Land weiter, die Vegetation südlicher. Man spürte schon das nicht mehr ferne Italien. In Domodossola ging es über die Grenze und weiter, vorbei an dem von Touristen längst verlassenen Lago Maggiore in Richtung Milano. Dort beginnt die Autostrada, die gebührenpflichtig ist, dafür aber genauso viele Baustellen aufwies wie manche deutsche Autobahn. Die 1400 Lira die wir bei keineswegs freundlichen italienischen Kassierern loswurden um diese Schnellstraße bis Venedig zu benutzen, fanden wir als einen etwas hochgeschraubten Preis.
Hinter Verona kam die Sonne endlich hinter den Wolken hervor und wir fuhren den nächsten Rastplatz an um zu essen. Doch der Platz ganz dicht neben der mit rasenden Autos befahrenen Bahn gelegen, das Gras mit dicker Staubschicht überzogen - Bänke gab es überhaupt nicht - lud wirklich nicht zum längeren Verweilen oder ausruhen ein. Nachdem sich das leckere Poulet in einen Berg abgenagter Knöchli verwandelt hatte und der Spiegel unserer Weinflasche einige Dezi gesunken war ging es weiter.
Bald tauchte Venedig in der Ferne auf und so verließen wir die ach so schöne Autobahn um auf der Landstraße, doch aber mindestens so schnell, in Richtung Triest und somit nach Bibione Pineda zu fahren. Auch diese Straße war genau wie die Autobahn zu beiden Seiten mit riesigen hässlichen Reklameschildern verschandelt. Die schöne Landschaft erhaschte man stück- und fetzenweise, und das nur mit Anstrengung.
An Nachmittag waren wir am Meer. Ein Bummel durch das neuentstandene Ferienzentrum Bibione Pineda, Einkauf einer Flasche Roten und zurück nach Bibione Spiaggia (Spagetti, sagten wir so ganz privat dazu) wo wir am Meer einen schönen Standplatz zum Schlafen gesehen hatten. Ein herrlicher flacher Sandstrand, den man mit dem Auto erreichen konnte - müsste doch romantisch sein; abends bei wohltönendem Meeresrauschen noch, doch morgens um 5:00 mit Gewitter und der Vorstellung das Meer könnte anschwellen und uns fortspülen oder wenigstens umspülen, sodass wir nicht mehr fortkönnen - wirklich nicht!

6. September 1964
So wurde dann bald beschlossen aufzustehen. Draußen goss es, drum hieß es bei geschlossenem Wagen sich anziehen, Betten bauen, frühstücken. Ein herrliches durcheinander, doch es ging und gegen 8:00 fuhren wir los gen Triest. Dort gaben wir die restlichen Lira aus, für Cappuccinos und Baci. Von den Baci hatte ich in Genf schon geschwärmt, - aber sie sind ja auch sooo lecker! Triest selbst erschien mir so gar nicht italienisch, mit seinen schönen Renaissancebauten erinnert es vielmehr an alte österreichische Zeiten.
Dann kam irgendwo die Grenze Österreich – Jugoslawien.
Als wir um 12:00 in Rijeka ankamen regnete es immer noch, was uns jedoch nicht vom essen-gehen abhalten konnte. Wir fanden bald ein jugoslawisches Ess-Lokal wo zwar unter vielen Einheimischen auch ein paar Touristen bei Kotelett saßen, wir doch bald unser Cevapcici, Rotwein etc. serviert bekamen. Was verpassen die Leute nicht alles für gute Sachen immer bei ihren, fast noch mitgebrachten, Kotelett zu bleiben, statt die jeweils landesübliche Küche zu versuchen.
Wir versuchten danach aber bald weiter zu kommen. In Crikvenica, es regnete zurzeit mal nicht, wurde eine Bungalow-Siedlung besichtigt. Eine kleine Halbinsel sehr schön gelegen, die Bungalow aus vorgefertigten Teilen stellten sich als sehr einfach, fast schon primitiv heraus.
Dann weiterfahrt, von oben Regengüsse, rechts sehr nahe das Meer, links noch näher die Felswand und vor uns ein Auto, das plötzlich ganz unvorhergesehen in einer Kurve ins Schleudern kam. Eh wir überhaupt einen Gedanken, wieso, fassen konnten rutschten und schleuderten auch wir. Weder bremsen noch gegensteuern half, die Felswand kam näher und näher und ich fürchtete schon um Fritzchens Schnauze. Doch oh Wunder ungefähr 10 cm vor dem rauen Felsen standen wir. - Na, ja wieder mal Sau gehabt - einmal tief Luft holen und weiter. Grund der Rutschpartie, Lehm war vom Fels auf die Straße gespült worden und hatte sie in ein glitschiges Seifenbrett verwandelt.
In Zadar fanden wir, bei etwas ärmlichen aber sehr gastfreundlichen Leuten, Zimmer. Einheitspreis wie üblich privat, 1.000 Dinar. Der Staat drückt ein Auge zu und lässt die Leute vermieten um ihre Haushaltskasse ein wenig aufzubessern. Beim abendlichen Bummel durch die Stadt konnten wir trotz Anstrengung kein Restaurant finden, so musste das Abendessen ausfallen. Unsere Wirtin hatte uns zu unserer Überraschung einen Teller mit selbstgebackenen Apfelküchlein ins Zimmer gestellt und daran taten wir uns gütlich.

7. September 1964
Am Morgen ein guter Kaffee, dann herzliche Verabschiedung wobei wir eine Tüte mit Trauben und den schon erwähnten leckeren Kuchen überreicht bekamen, nochmals winke - winke und weiter ging es. Am Vormittag ein kurzer Besuch in Pakostane, einem Feriendorf vom Club Méditerranée, wo ich alte Kollegen aus dem Chamois traf. Und weiter immer am Meer entlang, die Inseln rückten oft ganz nah ans Festland heran, bald blinzelten sie uns aus weiterer Entfernung zu. In Sibenik setzten wir mit der Fähre über. Vorher aber wurde noch mit den ersten Händlern von Teppichen und bunten Umhängetaschen palavert. Gekauft wurden nur herrliche goldgelbe Trauben. Wahrscheinlich ganz frisch gepflückt, daher so wohlschmeckend und saftig. Trauben haben wir übrigens kiloweise gegessen, überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Fahrt ging weiter nach Split. Hier wurde eingekauft, denn bald sollten wir in unwirtlichere Gegenden kommen. Speck, Wurst Brot und Wein!
Hinter Omis hört dann die gute Küstenstraße auf man sieht zwar an Hand der geschlagenen Bäume schon wie sie einmal weiter verlaufen wird, doch wir mussten hinauf in die Berge. Gut dass wir wussten was uns erwartete, nämlich erst ein Pass - die Straße feldwegartig, grobsteinig, ausgefahren und voller Löcher. Auch wenn sie zeitweise ebener wurde konnte man durchschnittlich nur 30 km und ganz selten mal 50 km fahren. Auf dem ersten km schlechter Straße sahen wir einen VW aus Schweden stehen, die jungen Leute mit Karte studieren beschäftigt. Wir grinsten uns an, vielleicht glaubten die beiden sie hätten den falschen Weg erwischt. Später bei unserer Picknick Pause konnten wir sie dann aufklären. Wir hörten sie schon durch die mittägliche Stille heranbrummen. " Is this the right way to Dubrovnik?"- yes -, "are you sure?" - yes -, "really?" - oh yes! - Und ungläubig fuhren sie von dannen. Sie sind wahrscheinlich diese anstrengende Strecke in einem durchgefahren. Immer, genau wie wir mit einer dicken Staubfahne hinterdrein. Die Landschaft: hohe Karstberge oder grüne üppige Täler. Die von der Schule heimkehrenden winkenden, manchmal für uns unverständlich gestikulierenden Kinder ließen uns hin und wieder die schlechte Straße vergessen. Wir fuhren bis zur tiefen Dämmerung, fanden zwischen Wacholdergebüsch einen gut versteckten Standplatz und übernachteten ungefähr 50 km vor Dubrovnik in den dalmatinischen Bergen.

8. September 1964
06:00 Uhr war es als uns die Sonne weckte. Noch war morgendliche Stille, doch plötzlich, als wir beim klar-auto-machen waren hörten wir von überall kling - kling und kurz darauf - waren wir schon von einer Herde Ziegen und Schafe umgeben, die ein zahnloses altes Mütterchen hütete. Ein freundliches guten Morgen - ein gegenseitiges bestaunen, dann brachen wir auf um einen schönen Platz, mit Aussicht aufs Meer, zum Frühstücken zu finden. Danach wollten, wir nach Dubrovnik. Doch erst mussten wir noch einen Kampf mit einem bösartigen Bus bestehen. Ja, vor uns fuhr ein Überlandbus, nein, d.h. erst kam eine miserable Staubwolke und dann der Bus, nun und wir wollten gern überholen. Wir versuchten es, ging nicht, wir gaben Zeichen er möge uns vorbeilassen, nichts. Dieses Spiel wiederholte sich auf einigen Kilometern. Dann endlich sah Sepp eine Chance, ein großer Ausweichplatz. Gas geben, ran an den Bus, nur, dass dieser auch diesmal nicht 1 cm nach rechts rückte, sondern das Gegenteil - nach links. So fanden wir uns plötzlich ohne viel dagegen tun zu können in Steinen und Felsen wieder. Das Fritzchen saß fest! Beidseitiges großes Geschimpfe, was jedoch gleich nachließ als wir sahen, dass nur die Karosserie aufsaß und dem Fritzchen sonst kein blechliches Haar gekrümmt war. Felsbröckchen unterlegen, Wagenheber betätigen - bald war der Schreck überwunden und es ging endgültig nach Dubrovnik.
Die schöne Altstadt fanden wir erst nach einigem Suchen. Von einer dicken trutzigen Mauer umgeben, ließ sie uns, durch ein gut abriegelbares Stadttor, ein. Sehr sauber und gepflegt, die herrlichen alten Kirchen und Paläste im romanischen und barocken Baustil, die hellen Wohnhäuser, sowie der kulissenreiche Naturhafen. Einkauf auf dem Markt und weiter durch die Berge in Richtung Herzog Novi. Die Asphaltstraße verwandelte sich bald wieder in ein grobsteiniges, großlöchriges etwas, nennen wir es Schotterstraße.
Das Wetter war dagegen besser geworden. Die Sonne schien und das blaue Wasser der Bucht von Kotor war zu verlockend. Also hinein ins nass - salziges Vergnügen. Es war herrlich erfrischend! Ein Fährboot setzte uns nach Prcanj über, so brauchten wir nicht den großen Bogen über Kotor machen. Nach 20 min, waren wir in Tivat, von wo wir am Spätnachmittag mit einem kleinen Boot zur Insel Sveti Marko zum Club Méditerranée fuhren. Herzliches Wiedersehen mit Gilbert, dem Chef de Village, Poupou, Nicole, Ciki und Edith. Alles ehemalige Kollegen aus Leysin in der Schweiz. Ja, für manchen ist die Welt klein, zumal für so reisefreudige.
Es war ein schöner Abend so recht erholsam, eben Club. Ein Aperitif an der Bar ganz nahe am Meer, ein ausgedehntes Abendessen, anschließend noch ein bisschen Tanz und Spiel, und natürlich bla - bla mit den Bekannten.
Am nächsten Morgen ein kleiner Entdeckungsspaziergang. Die Insel ist ziemlich groß, gehört ganz dem Club, die Gebäude sowie die Hütten befinden sich auf der windgeschützten Seite, wie auch der Hafen für Wasserskier und Segeln. Das Ganze umgeben von der herrlichen Szenerie der Bucht von Kotor mit den dahinterliegenden hohen Bergen.
Gegen 9:00 ging es zurück zum Festland und zum Fritzchen.

9. September 1964
Hinauf in die Berge, auf sehr steiler kurvenreicher Straße. Ein kurzer Halt, denn die Aussicht war geradezu faszinierend. Direkt vor uns die Serpentinen der Straße im Grün der Bäume, dann die ganze Bucht von Kotor in strahlendem blau mit ihren kleinen Inseln und weiter hinten die kahlen Bergmassive.
Titograd war unser nächstes Etappenziel. Ein türkischer Kaffee unterstützte noch den schon sehr südlich fremdartigen Eindruck dieser Stadt. Man merkte wie sich ganz allmählich das mitteleuropäische Bild verwandelte. Auf unserer Weiterfahrt fanden wir bald wieder eine Natur-Schönheit: die Moraca - Schlucht. Tief eingegraben in den Felsen begleitete uns der Fluss für einige Kilometer immer parallel der guten breiten Straße. Es gab fast keinen Verkehr, doch halten durfte ich trotzdem nicht zum Fotografieren. Ich wurde vertröstet; es gibt bald noch eine Schlucht da kannst du dann ....! Nur das diese vollkommen anders - normal - aussah und für mich reizlos war. Wirklich, ich war wütend!!!
Wir schlossen dann einen Kompromiss. Wenn es was wirklich fotografierenswertes gab sollte ich schreien. aber sofort und nicht erst nach 1 km, denn zurückfahren gibt es nicht! Im nächsten Ort wollten wir einkaufen. Nur konnten wir keine Läden finden. Dafür fanden wir ein Tourist-Büro, wo uns freundlich und sogar auf Deutsch Auskunft erteilt wurde, wo wir was finden. Wahrscheinlich wird hier jeder Tourist noch mal haltmachen, sei es nun um die nötigen Lebensmittel wie Brot, Wurst und Wein zu kaufen oder Auskunft über Route oder Straße einzuholen.
Das Landschaftsbild ungefähr bis Kolasin, karg und kahl, wechselte ganz plötzlich. Wir glaubten wieder in der Schweiz zu sein. Die Berge bewachsen mit schönen Nadelwäldern. Ein Mann der uns anhielt und um Feuer bat - in Französisch! Zum Tagesabschluss noch ein Pass. Bis zu 16 Prozent Steigung, so kletterten wir bis auf fast 2000 m Höhe. Auf der Passkuppe sauste ein entsetzlich kalter Wind und so fuhren wir noch ein Stück abwärts um einen Standplatz zum Übernachten zu suchen. Eine feldwegartige Abzweigung schien uns sehr geeignet dazu. Also hinaus aus dem warmen Fritzchen, ins dunkle und kalte. Ausräumen, Betten bauen, Luftmatratzen aufblasen, alles wieder einräumen, umziehen, (ich zog alle warmen Sachen an die ich hatte, es war lausig kalt) und die Fenster dichtmachen, d.h. verhängen. - Jetzt hatten wir Hunger und kalt war uns auch. Nun, aber wir hatten ja alles um dem abzuhelfen. Brot und Wurst- doch der Wein war nicht aufzufinden. Da sein musste er aber, sogar im Auto, denn wir hatten alles wieder im Wagen verstaut. „Mayers Ausdauer" führte nach 20 min., nachdem er alles, aber auch wirklich alles vorn sowie hinten, unter den Sitzen, in den ganzen Taschen, wirklich sämtliche Gegenden im Finstern abgesucht, alle Decken durcheinander gedreht hatte, zum Erfolg. Ha, endlich war der köstliche Rote da. Decken wieder schön nach meine und deine sortieren und sichs gemütlich machen. Wir waren nun endlich installiert, der Wein schmeckte, wir krümelten Manna Plätzchen in uns hinein und um uns herum. Da - ich hörte draußen ein Geräusch. Du Sepp, da ist jemand. Ach! Doch, hör doch, da ist jemand! Meinste wirklich? Ja, hörste denn nicht? Sepp bewaffnet - mit Taschenlampe - krabbelte aus dem Auto, ich linste vorsichtig, denn man kann ja nie wissen, durch die Scheibe. Draußen in der Dunkelheit, stand friedlich ein Bauer mit seinem Ochsenfuhrwerk, er wollte heim und wir versperrten ihm den Weg.
Was blieb uns übrig: den Schlafwagen in ein normal bewegliches Auto zu verwandeln, Platz machen, Bäuerlein passieren lassen, Fritzchen wieder sicher hinstellen, aufs Neue das Wageninnere herrichten. Als wir denn endlich unsere verdiente Ruhe hatten, waren wir aufs neue ganz schön durchgefroren. - Kalt sind die Nächte im Balkangebirge! -

10. September 1964
Abfahrt 7:00 Uhr. Für zwei Stunden fuhren wir noch durch die Berge und Schluchten, dann wurde es ebener. Ein Minarett grüßte von weiten entgegen, am Stadteingang von Pec war Markt. Gestalten in bunten Pluderhosen, farbige Umhänge, die Frauen verschleiert, das war die erste Begegnung mit dem Orient. Ein kurzer Halt für einen Kaffee und weiter in Richtung Skopje. Ungefähr 30 km vor der Stadt wurde die Straße fast unbefahrbar. Wir suchten uns im Schritttempo die kleinsten Löcher und Steine als Passage, es war grauenhaft. Das arme Fritzchen - es tat mir leid.
Skopje selbst bot einen fürchterlichen Anblick. Zerstört, zerfallen, dreckig als sei das Erdbeben erst gestern gewesen und nicht schon vor einem Jahr. Hier konnte uns nichts halten, obwohl wir großen Hunger hatten. Es war alles so unfreundlich, grauslich, dass wir bis zur Grenze weiterfuhren.
Hier kauften wir für unsere letzten Dinar noch etwas ess- und trinkbares, ärgerten uns über die langsamen, weder höflichen noch freundlichen, jugoslawischen Zöllner und weiter ging es nach Hellas. Der griechische Zoll mindestens so langsam, weil vom Superbürokratismus befallen, schrieb Formulare um Formulare.
Durch Griechenland sind wir ohne Halt, außer zum Schlafen, durchgefahren. Denn unser eigentliches Ziel war ja die Türkei. Bei Abenddämmerung passierten wir das Verkehrsgetümmel von Saloniki. Die Straßen waren gut, wir nützten es und fuhren an diesem Abend noch 180 km weit ins Land.

11.September 1964
Die Sonne hatte uns zeitig geweckt und um 8:00 verließen wir die Pappelhecke, unseren Standplatz, in Richtung Alexandroupolis. Hügel, weite Täler, in der Ferne gesäumt von Bergen, hübsche friedliche Dörfer, alles etwas sanfter und gefälliger als in Jugoslawien. Auch hier wieder Traubenzucht, Oliven- und Feigenbäume, Baumwollanbau und langsam dahinziehende Schafherden. Für uns gab es nach einigen Stunden Fahrt als Unterbrechung ein Picknick. Es war zu schön ungebunden zu sein, keinen Fahrplan einhalten zu müssen! Sehr gut gefiel uns Kavala. Mit altem Aquädukt, liegt die Stadt sehr malerisch an einem Hang zum Meer.
Je weiter wir zur türkischen Grenze kamen desto weniger Autos sahen wir. Dafür ab und zu gut versteckt, aber doch erkennbar, Militär. Hier bemerkten wir zum ersten Mal seit unserer Abfahrt aus Genf, dass es eine Zypernkrise gab. Wochen vor unserem Abreisetermin fragten wir uns täglich: wird sich die Lage bessern, werden wir die Länder bereisen können? Hier am Brennpunkt merkte man weniger Spannung als in den Städten in Mitteleuropa, wo von der Presse alles in ein besonderes Licht gerückt, wenn nicht sogar hochgespielt oder übertrieben wird.
Um 13:00 waren wir in Ipsala an der Grenze. Die Griechen ließen uns ohne Schwierigkeiten ziehen, eine Brücke, und wir waren in der Türkei.
Der Zoll, freundlich, unkompliziert, weder eine Frage nach Geld noch nach Ware. Auf neugebauter, nur zum Teil fertiger, schöner breiter Schotterstraße ging es nach Kesan und ein Stück weiter, dann bogen wir ab nach Sarköy. Ein typisch altes türkisches Dorf am Marmarameer. 1934 hatte ein Erdbeben den ganzen Ort zerstört. Beim Wiederaufbau wurden Holzhäuser errichtet, von denen jetzt die meisten noch stehen. Manche zwar schon arg zerfallen. Inzwischen baut man aber auch Steinhäuser. Der ganze Ort erscheint vollkommen orientalisch. Teehäuser bevölkert mit ausschließlich Männern, meist alten. Die Frauen tragen zum Teil noch Pluderhosen, aber fast immer ein Tuch um den Kopf, was, wenn nötig schnell das Gesicht verhüllen lässt. Man sieht jedoch auch europäische Kleidung, denn schließlich ist Sarköy ein Urlaubsort. Es ist nicht weit von Istanbul gelegen und so gibt es hier viele Ferienhäuser. Das Land ist unwahrscheinlich fruchtbar. Baumwolle, Wein, Datteln, Melonen und Feigen gedeihen hier. Nur Orangen und Zitronen gibt es wegen der kalten Winter nicht. Direkt am Meer gelegen fanden wir ein Hotel. Wir fragten nach Zimmern, als Antwort schüttelte die Frau mit freundlicher Zustimmung den Kopf. Andre Länder ... Kopfschütteln heißt auf türkisch - ja -.
Als erstes mussten wir natürlich baden gehen. Sandstrand und angenehm warmes Wasser waren auch zu verlockend. Am Abend ging es dann das erste Mal türkisch essen. In einem ganz einfachen Restaurant, wo auch die Dorfbewohner aßen. Saubere Tische, und in der Küche wählten wir, wie es dort Sitte ist, unsere Speisen aus. Ein Gemüse aus Tomaten und Auberginen, leckeres Kalbsfilet, dazu Raki (ein Anisgetränk, und anschließend noch eine Flasche Sarköyer Wein. Die Bedienung war freundlich und aufmerksam, manch gutes deutsches Restaurant könnte sich daran ein Beispiel nehmen.
Ein Arbeiter aus der Weinpresse kam zu uns und machte mit ein paar Worten französisch verständlich, er würde uns einladen die Weinpresse zu besichtigen. Dort wurden also Trauben gekostet, sowie der neue Wein probiert, Alles geht ein bisschen primitiv zu, doch der Besitzer wie auch seine Arbeiter waren stolz uns alles zeigen zu können. Wie man denn Wein in Deutschland mache, wollten sie wissen, der wäre doch so gut.
Das war unser Empfang in der Türkei. Dieser aufgeschlossenen Gastfreundschaft, gepaart mit einer gewissen Würde, sind wir immer wieder begegnet. Besondere erfreut waren die Türken immer wieder wenn sich herausstellte, dass wir Deutsche waren.

12.September 1964
Am Morgen versuchten wir der Hausmagd zu erklären, wir möchten frühstücken - doch sie verstand nichts. Der Besitzer kam dann, er sprach deutsch - und bald war ein Tisch auf der Terrasse für uns zum Essen gedeckt. Danach ein Spaziergang am Meer entlang.
Wahrscheinlich waren wir - ausländische Touristen - die Sensation im Ort, man schien nämlich informiert zu sein. Denn plötzlich, von einer Terrasse eines der Ferienhäuser fragte man uns in fließendem akzentfreien deutsch: sind sie die ausländischen Gäste im Hotel? Kommen sie doch rauf zu uns und trinken sie einen Kaffee mit! So lernten wir Herrn Somay und seine Familie kennen. Istanbuler, die hier in Ferien waren. Herr Somay hat 8 Jahre in Dresden und Berlin studiert und war begeistert wieder mal deutsch zu hören und es sprechen zu können. Nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass Sepp seinen Neffen von einem früheren Aufenthalt in Sarköy kannte. Vor 2 Jahren war Sepp nämlich schon einmal hier um mit Freunden einen Film fürs Fernsehen zu drehen. Bevor wir unsere neuen Bekannten verließen mussten wir fest versprechen am nächsten Tag wiederzukommen.
Der Nachmittag verging mit Wageninneres vom Staub reinigen, baden, waschen, fotografieren, einkaufen. Z.B. erstanden wir l kg Trauben und l kg Pfirsiche für l Lira = 0.40 sfr. Vor einem Teehaus sah Büchsenmacher Sepp dann jemand mit einem Gewehr sitzen, was er natürlich näher sehen wollte. So lernten wir den Jäger kennen. Er lud uns mit seinen 3 Worten englisch zum Cay = Tee ein.
Zum Abendessen gab es diesmal Köfte, (den deutschen Fleischklößen oder Frikadellen ähnlich) doch aromatischer gewürzt; Salat, Wein und Brot. Das Brot ist in der Türkei besonders köstlich und wohlschmeckend. Mit Sauerteig gebacken, halb weiß und immer frisch. Nach dem Essen noch ein kurzer Besuch bei unseren Türken und dann ins Bett.

13.September 1964
Am Morgen kamen wir gerade rechtzeitig um die jüngeren der Familie Somay, die wieder zum Beginn der Schule und der Uni am nächsten Tag in Istanbul sein mussten, ans Schiff zu begleiten. An der Mole trafen wir den Jäger wieder, der diesmal Vorbereitungen zum Fischen fahren traf. Ob wir mitfahren möchten? Natürlich wollten wir, gern. Sepp der Arme wurde leider seekrank geschaukelt und wir ließen ihn bei einem Halt in einer Fischerhütte zurück. Ich sah zum ersten Mal wie Netze ausgelegt und wieder eingeholt werden. Bei der Heimfahrt bekamen wir einige frischgefangene Fische, ein paar Scampi und einen Krebs geschenkt. Einer gab uns eine Melone, frisch von Feld, ein anderer holte noch eine Flasche Wein aus der Weinpresserei. Mit all den guten Sachen für ein reichliches Essen versehen durften wir dann heimziehen. Wir trugen das Ganze zu Somays. Abends ganz romantisch, draußen auf der Terrasse bei Vollmondschein gab es dann ein köstliches ausgedehntes Mahl.

14.September 1964
Sturm war aufgezogen und das sonst so ruhige Meer war ein Wellen Gewirr geworden. Das Bad in der Brandung war jedoch sehr erfrischend. Am Vormittag wurde fotografiert, dann anschließend ein Strandlauf unternommen, wo ich wieder viele schöne Steine fand. Später wurde meiner steinigen Begeisterung Grenzen auferlegt. Sepp hatte Angst der Wagen würde sonst zusammenbrechen. - 5 Stück pro Woche, und nicht mehr!!! Doch hab ich ganz schön gemogelt!!!
Gegen Abend noch mal ein kleiner Einkauf von Obst, essen gehen und zeitig ins Bett. Denn am nächsten Tag wollten wir und Herr Somay nach Istanbul.

15.September 1964
Güli, güli und damit wir eine gute Fahrt hätten schüttete die Schwester von Herrn Somay einen Eimer Wasser hinter dem abfahrenden Auto her. Ein alter türkischer abergläubischer Brauch. In Tekirdag eine kleine Pause für einen Cay, Und weiter Istanbul entgegen stückweise am Marmarameer entlang, dann wieder über einige Brücken des alten türkischen Baumeisters Sinan. Gegen Mittag tauchte Istanbul aus dem Horizont plötzlich auf. Ein faszinierender Eindruck. Ein altes römisches Aquädukt begrüßte uns als erstes, danach lag die Stadt vor uns. Märchenhaft, man befand sich wirklich in einer anderen Welt. Auf zwei gegenüberliegenden Hügeln erbaut, wo sich unzählige Moscheen mit ihren schlanken Minaretten wie kleine Schmuck- oder Ziersteine absetzen, vom Goldenen Horn in zwei Hälften geteilt und mit zwei Brücken wieder verbunden. Quirlender Verkehr in den Straßen sowie auf dem Wasser und das trotzdem mit einer asiatischen Ruhe und Gelassenheit. - Das ist Istanbul -!
Zuerst fuhren wir Herrn Somay nach Hause, nach Sisli, dann quartierten wir uns im Hotel Alp-Oteli ein. Die Zimmer mit Blick aufs goldene Horn gelegen. Der erste Stadtbummel führte uns zur Post, auf die Pera (die Einkaufsstraße und Rennbahn), am Hafen vorbei in den Basar, wo wir die kleine Moschee besichtigten, zum Schluss einen Blick in die Neue Moschee und über die Galata-Brücke heim. Zum Abendessen gab es Schichtgebäck, Fleisch am Spieß, Salat, Brot und natürlich Raki. Obendrein schickte uns jemand vom Nachbartisch - ein Bier.

16.September 1964
Der Morgen begann zucker- und honigsüß, denn wir mussten doch auch mal die türkischen Schleckereien versuchen. Zum Hippodrom ging es dann. Die beiden Obelisken, der von Theodosios des Gr. 390 von Ägypten nach Konstantinopel gebrachte und der gemauerte vom Kaiser Konstantin errichtete, wurden bestaunt. Die Sultan Ahmet oder wie sie im Volksmund genannt wird, die blaue Moschee, mit ihren 6 Minaretten und ihrer künstlerischen Außenarchitektur bewundert. Die wunderschönen handgemalten Kacheln, die Wände und Säulen bedecken, zaubern ein wohltuend gedämpftes, bläuliches Licht im Innenraum hervor, daher wohl auch - Blaue Moschee. Ein Muezzin kündete den Mittag an und rief die Mohammedaner zum Gebet.
Wir fanden gleich neben der Moschee am Hippodrom ein kleines schattiges Restaurant, wo wir wieder einmal die landesübliche Küche versuchten. Dönerkebab, Fleisch was lagenweise auf einem Spieß geschichtet und gut gewürzt ist, und wovon die äußere braun gebratene Schicht in dünnen Scheiben runtergeschnitten und gleich serviert wird. Nach einem ermunternden Tee ging es zur Beyazit Moschee den vielfarbigen Säulenhof anschauen, danach weiter an der verbrannten Säule vorbei zur Suleimaniye Moschee. Sie ist von Sinan erbaut worden und gefiel mir von allen Moscheen an besten. Wohl auch wegen der wunderschönen osmanischen Malereien im Inneren der Kuppeln und Gewölbe.
Dann lockte uns wieder der Basar mit seinen Gassen und Gässchen und seinen ungefähr 6000 Geschäften. Bei den Tuchhändlern der erste Halt, einen Umhänge Schal wie in Großmutters Zeiten, musste ich erstehen. Einige Souvenirs wurden bei den Goldschmieden erhandelt und dann mussten wir eilen um noch vor Torschluss aus dem Basar herauszukommen.

17.September 1964
Mit frisch gewaschenem Fritzchen fuhren wir an den Bosporus. Wir wollten eigentlich bis zum Schwarzen Meer, doch einige km hinter der U-Boot Sperre begann Militärgebiet und so mussten wir umkehren. In einem der hübschen Orte hielten wir, um bei einem der Händler ganz frische Waffeln, bei einem anderen Walnüsse zu kaufen. Dazu gab es natürlich einen Cay. Rumeli-Hisar die Jahrhunderte alte Festung am Bosporus sahen wir uns auf der Rückfahrt an. In Istanbul zurück - und der abenteuerliche Basar nahm uns wieder gefangen. Erst wurde bei den Gold- und Silberschmieden um Ringe und einen wunderhübschen kleinen Taschenspiegel gefeilscht und dann wollten wir uns mal Teppiche ansehen. Einen sehr schönen alten hatten wir plötzlich entdeckt, und sogleich waren wir beim Verhandeln und Handeln. Natürlich ohne lautstarke Meinungsäußerungen wie es in Italien üblich ist, sondern schön ruhig, nachdenklich, langsam. Nach eineinhalb Stunden, man hatte sich noch nicht über die Preise einigen können, wurde das Geschäft auf den nächsten Tag verschoben. Noch ein Bummel über die Pera, ein Sandwich gegen den Hunger und dann heim zu unserem von lautstarker orientalischer Musik umgebenen Oteli.

18.September 1964
Vergeblich warteten wir auf Noyan der uns eigentlich in die Hagia Sofia begleiten wollte. Diese Kirche die im Wechsel verschiedener Religionen Gotteshaus war, ist jetzt Museum. Den Topkapi Serai den Sitz der Sultane sahen wir uns anschließend an. Als kleine Erholung dann einen Tee im Schatten der Bäume am Hippodrom.
Der Läuse-Basar war unser nächstes Ziel. Dort gibt es alles was alt und überhaupt vorstellbar ist zu erhandeln. Ich erstand dort zwei sehr schöne alte Kupferkannen. Auf dem Büchermarkt, der im sanften Licht der schattenspendenden Bäume liegt, dösten wir anschließend. Danach wieder zu unserem Teppich Händler, und wieder wurde besichtigt, gehandelt, überlegt - Tee getrunken - weiter gehandelt, um dann endlich nach zwei Stunden zu kaufen. Im Oteli nahmen wir dann draufsitzender, -stehender und -gehenderweise von unseren Teppichen besitz. Zum Abendessen noch einmal Siskebab.
Um den Bericht überhaupt einmal zu Ende zu bringen werde ich ab jetzt zu einer Kurzfassung übergehen.

19. September 1964
Den morgen verbrachten wir mit fotografieren. Dann wollten wir zum Galataturm, er war leider geschlossen. So fuhren wir zum Taksim (großer Platz, Verkehrsknotenpunkt, mit naheliegendem Park) kauften uns eine deutsche Zeitung um unsere Neugier nach europäischen Nachrichten zu stillen. Nachdem wir Herrn Somay von der Arbeit abgeholt hatten fuhren wir nach Eyup. Ein kleiner Ausflugsort nicht weit von Istanbul. Im Ort wurde zu Mittag gegessen, anschließend ging es ins Cafe Pierro Loti, was auf einer Anhöhe liegt und einen herrlichen Ausblick aufs Goldene Hörn bietet.
Gegen 18:00 zurück ins Oteli, umziehen - sich fein machen - denn wir waren zum Abendessen bei Somays eingeladen. Türkische Hochzeitssuppe, Hammelkotelett vom Holzkohlengrill, Reisoberginen, Melonen, dazu Raki und Wein. Es war köstlich!!
Welch liebenswürdige gastfreundliche Familie! Ein herzliches Dankeschön unsererseits - ein verabschiedendes freundliches güli güli ihrerseits, so trennten wir uns.

20. September 1964
Wir verließen Istanbul, setzten mit der Fähre nach Asien über und folgten der Route nach Ankara. Immer gen Osten, über Ismit, Bolu, Gerede - ein Stück am Marmarameer entlang, im Regen, dann durch Berge, nur ein stückweit mit kiefern-ähnlichem Wald bewachsen, sonst kahl. Auf Ankara zu nimmt die Landschaft den Charakter einer Hochebene an. Ankara selbst liegt auch 848 m hoch. Trotz vieler Neubauten hat man nicht den Eindruck in einer Landeshauptstadt zu sein. Zumal rund auf den Hügeln hässliche Arbeitersiedlungen liegen. Ein unvergessliches Naturschauspiel war der wunderschöne Sonnenuntergang, der alles in ein seltenes purpurn bis goldenes Licht tauchte. Das Turist-Hotel, wo wir wohnten, ist nicht zu empfehlen, die Betten schlecht, schmutzig gedeckte Tische, Fliegen in der Marmelade und das Personal gelangweilt unfreundlich.

21. September 1964
Vormittags ins Ministerium für Touristik. Fanden sehr schnell den richtigen Mann - sehr ausführliches aufschlussreiches bla, bla, bla. Abfahrt um 13:30 Uhr nach Konya. Weite fruchtbare Hochebene, in der Ferne immer von hohen Bergen begrenzt. Das Land schimmerte golden, von den Korn-Stoppelfeldern. Die Dörfer - Lehmhütten. 17:30 Ankunft in Konya. Konya ist eine der ältesten anatolischen Städte (Gründung schon um 2600 - 2100 vor Chr.). Reich an schönen Bauwerken der verschiedensten Epochen, sauber und gepflegt mit hübschen Häusern und klingelnden Pferdekaleschen ist es Anziehungspunkt vieler in - und ausländischer Touristen. Das Teppichmuseum (ehemals der Tempel der Tanzenden Derwische) und Moscheen angeschaut. Alte handbemalte Kacheln aus Kutahya gekauft.
Hier fanden wir das beste und gepflegteste Hotel auf unserer Reise. Ein typisch türkisches Abendessen und danach noch einen Tee auf dem Aladins Hügel. Nur eine Pferdekutschenfahrt gab es nicht. Ich wurde auf Antalya vertröstet. "Aber auch nur vertröstet!!"

22. September 1964
Abfahrt Konya um 6:00 Uhr. Ungefähr 10 km hinter Konya beginnt eine wahre Mondlandschaft. Kahle merkwürdig geformte Hügel und Berge, sogar Kraterberge. Die Durchquerung des Taurus Gebirges stand uns bevor, das anstrengendste Stück unserer ganzen Reise. Als Proviant ein bisschen Wasser und ein Rest Wein. Wir dachten in einem der nächsten Orte etwas kaufen zu können. Doch war die Gegend fast nicht bewohnt, die wenigen Ansiedelungen sahen so finster und unheimlich aus, dass wir vorzogen ohne Halt weiter zu fahren. Die Straße feldwegähnlich, steinig, löchrig, staubig - Kurve um Kurve, auf den ersten Pass hinauf, ebenso kurvenreich auf der anderen Seite wieder runter. Einige km ein Hochplateau durchfahren um den nächsten Pass in Angriff zu nehmen, ich weiß nicht wie viele Pässe und wie viele Kurven es waren, ich erinnere mich jedoch, dass es sehr heiß, sehr staubig und meinem Magen sehr mulmig war.
Der Taurus teils kahl, teils mit Kiefern, später Pinien, mit Wacholder und Tannen bewachsen ist landschaftlich sehr schön. Doch, fast unbewohnt. Auf der 8 stündigen Fahrt durch das Gebirge trafen wir auf ungefähr 5 Autos, eine an Straßenrand lagernde gutgetarnte Zigeunersippe und ein paar friedlich grasende Kamele.
Wir waren glücklich als wir in Manavgat ankamen. Uns ein kühler Trunk unter uralten Platanen am Flussufer, dem Fritzchen eine Pause zum Abkühlen. Hier ist man schon nahe dem Meer, das Land ist ebener, Baumwolle wird angebaut, die Ernte war gerade im vollen Gange. Watteflöckchen gesprenkelte Felder unterbrochen von den Farbtupfen der Pflückerinnen.
Die breitangelegte Straße im Bau - sie führte uns nach Aspendos, wo das schönste alte Theater Kleinasiens steht. Jedes Jahr werden hier noch Festspiele abgehalten. Die alte Stadt selbst hat man noch nicht ausgegraben. Die Stätten alter griechischer und römischer Ansiedlungen sind hier wie an der Westküste so zahlreich, dass sie ein anziehendes Gebiet für Archäologen sind. Ab Aspendos ist die neue Straße fertig und so waren wir gegen 16:30 Uhr in Antalya. Erster Gang zur Post, dann fuhren wir zum außerhalb gelegenen Strand. Besichtigung der teils sehr primitiven Bungalows. Auf das ersehnte Bad mussten wir verzichten, Windstärke 8 und somit beängstigende Riesenwellen.
In der Pansiyon Nuri fanden wir schöne saubere Zimmer und ein gutes Fisch-Abendessen. Der abendliche Spaziergang durch den tropischen Park war ein Kampf gegen den Sturm, hin und her gezerrt und zerzaust gaben wir es auch bald auf.

23. September 1964
Als erstes ein Informationsbesuch bei der Touristik-Verwaltung. Man sprach ausgezeichnet deutsch und war sehr freundlich, wir erfuhren dort viele interessante und nützliche Auskünfte.'
Das Innere vom Fritzchen wollte ich von der millimeterdicken Feinstsandschicht befreien. Fing also an zu putzen (sehr zum Unwillen von Herrn Mayer, der darüber verdrossen sauer war). Mit etwas sauberem Auto und frischgepackt versuchten wir ein Stück die Küste entlang zu fahren. Zuerst mussten, wir einen Fluss durchqueren, die Straße, oder wie man es sonst nennen will, war höchstens mit einem Jeep zu befahren. Aber die Gegend war zu verlockend wir wagten es doch für einige km. Der Küstenstreifen _ abwechselnd herrliche feinsandige Buchten und felsnasige Vorsprünge, hauptsächlich mit Pinien bewachsen, gleich dahinter türmen sich hohe schroffe Felsberge auf, die die kalten Winde abhalten. Ein paradiesisch schönes Stück Erde, noch völlig unbesiedelt. In einigen Jahren wird man dort sehr wahrscheinlich Feriendörfer und Hotels vorfinden.
So ganz konnten wir dem schönen klaren Wasser doch nicht wiederstehen und mussten auf einem Felsen ein köstlich erfrischendes Meerschaum-Brandungsbad erproben. Durch den Fluss zurück in den Ort, ein gutes Essen, einkaufen von Reiseproviant und ade Antalya mit deiner einmalig schönen Naturkulisse.
Nächstes Ziel war die Westküste von Izmir. Hinauf in die Berge, auf guter Straße, an Budur und Dinar vorbei. Und dann kam der Schreck in der Abendstunde. In Form eines entgegenkommenden Autos was uns beim Kreuzen einen kleinen Stein auf die Windschutzscheibe schleuderte. Es machte - klick und knirsch - und die Scheibe war in 1000 und l Stück zersprungen. Zum Glück blieben einige cm ganz links am Fahrersitz klar, sodass wir das Glas nicht ganz rausschlagen mussten. Es wäre sonst lausig kalt geworden. Bei Rechtskurven hieß es allerdings, häng mal den Kopf zum Fenster raus und sag mir wo ich fahre.
In Denizli, in einem gepflegten BP–Restaurant begossen wir den unglücklichen Witz mit einem Cay. Kurz nur, denn wir wollten trotz allem weiter bis Aydin. Es war schon spät. Etwas durchfroren und übermüdet suchten wir nicht lange nach einem europäischen Hotel. Begnügten uns mit 2. Klasse Hotel, (Türkenhotel) leicht schmutzig, dafür billig, 8 Lira pro Zimmer.

24. September.1964
Zur nächsten Renault Werkstatt nach Izmir mussten wir fahren, denn wir brauchten ja eine neue Scheibe, dringend sogar. Es war kühl und sah nach Regen aus. Renault hatte natürlich keine Scheibe auf Lager. So fuhren wir zu einem Scheibenmacher, etwas außerhalb der Stadt. Bestellen, Maßnehmen - nachmittags wiederkommen!
Was sollten wir in der Zwischenzeit unternehmen? Nach Izmir zurückfahren, dem Tourist-Büro einen vergeblichen Besuch abstatten und dann nach ziemlich langen suchen fand Sepp das gute Esslokal, am Meer gelegen. So trösteten wir uns mit einem guten ausgiebigen Essen über die Panne und den somit verlorenen Tag. Nachmittags um 17:00 hatte Fritzchen ein neues Vorderfenster und wir konnten weiter.
Ephesus - bei Sonnenuntergang - es entschädigte uns reichlich für den vorhergegangenen Ärger. Sanft rosa bis rotgoldenes Licht verzauberte die ganze Stätte, welch eindrucksvolle Aussicht: von der Höhe des Theaters die Marmorstrasse entlang bis zur Agora oder bergaufwärts an dem wohlerhaltenen Hadrianstor vorbei, weiter zu den Gymnasien deren Eingang zwei wundervolle Statuen zieren. Das archäologische Institut von Wien gräbt hier und es war so erfreulich, dass die Funde zum Teil an Ort und Stelle gelassen und restauriert werden. Nie war ich mehr von einer Ausgrabungsstätte beeindruckt als hier in Ephesus. In einigen Jahren einmal wieder zu kommen lohnt sicher, denn es werden unter den näherliegenden Hügeln noch weitere, hauptsächlich römische, Anlagen vermutet.
Von dem ganz in der Nähe gelegenen, ich weiß nicht wievielten Weltwunder, dem Tempel der Artemis, bleibt nur noch ein kleiner Säulenstumpf zu bewundern übrig.
Kusadasi war unser Tagesendziel. Das Hotel Emek-Palast, weit draußen vom Ort selbst gelegen, fanden wir erst nach einigen Irrfahrten im Dunkeln. An diesem Abend bin ich halb verhungert, doch der Mayer ließ sich nicht erweichen!!! Iss Trauben meinte er ungerührt, - doch die mochte ich diesmal nicht!

25. September.1964
Ein gutes Frühstück am Morgen rettete mich gerade noch! Das Wetter, wie immer, wenn wir endlich an die Küste kamen, kühl - wolkig mit vereinzelten Sonnenstrahlen. Übrigens, sahen wir von unserem Hotel aus die Insel Samos, gar nicht so weit entfernt, also Griechenland. In Kusadasi war gerade Schulanfang. Die Kinder veranstalteten einen Umzug in farbenprächtigen alten Gewändern, musizierenderweise, auf sicherlich sehr, sehr alten Blas- und Schlaginstrumenten.
Ein Besuch im Tourist-Office, wo man wieder gut deutsch und französisch sprach. Dann eine Fahrt ins Altertum - nach Soeke, Akköy und Milet. Gewaltig und erhaben, die Säulensockel mit wunderschönen Steinmetzarbeiten versehen, was nur ganz selten zu finden ist, das war der Apollon-Tempel, wohl die eindrucksvollste Stätte, die wir in dieser Gegend fanden. In Milet fing es dann zu regnen und es sollte von da an auch nicht mehr aufhören.
Ein nettes kleines Erlebnis war die Begegnung an einer Quelle. Wir wuschen Trauben, als ein paar Jungen auf ihren Eseln angetrabt kamen, ein gegenseitiges bestaunen, man tauschte ein teils schüchternes teils verschmitztes Lächeln - und plötzlich kamen zwei dieser hübschen schwarzäugigen Reiter ans Auto und schenkten uns jedem einen schönen rotwangigen Granatapfel. Wie freuten wir uns über diese freundliche Geste! Am Abend gab es endlich etwas Richtiges zu essen. Es war reichlich, fast schon zu viel. Fisch, Siskebab, unbekanntes Gemüse (gut gewürzt, vor allem mit Knoblauch), Maisbrei, Melone. Als die Rechnung kam merkten wir plötzlich - wir hatten vergessen Geld zu wechseln. Zuerst jemand finden zum Verständigen, dann den Bank Mann suchen. Es war ein hin und her und warten für eine Stunde.

26. September 1964
Es regnete - so beschlossen wir um 7:00 Uhr von Kusadasi gen Norden, in Richtung Österreich zu fahren. Weitausgedehnte Olivenhaine wechselten mit großen Feigenplantagen, kleine Siedlungen, manchmal eine Esel- oder Kamelkarawane - wir hatten den Eindruck seit 2000 Jahren hat sich hier wohl kaum etwas verändert.
In Izmir wurde gefrühstückt, dann mit einiger Schwierigkeit noch einmal Geld gewechselt. Nach Bergama weiter, von dem ich so schöne Bilder von Ausgrabungsarbeiten gesehen hatte und wo ich außerordentlich enttäuscht wurde. Alles wesentliche und guterhaltene wurde ins Museum gebracht, wo dann eine Säule neben der anderen steht, ohne Verbindung zu ihrem eigentlichen Fundort, dafür schön nummeriert und mit Auskunftsschildchen versehen.
Bald setzte auch wieder der Regen ein. Um 17:00 Uhr waren wir in Canakkale, wo wir gleich ein Fährboot erwischten. Noch einen kleinasiatischen Abschiedstee und nach kurzer Zeit legten wir in Europa an.
Kesan - letzter Halt in der Türkei. Noch einmal einkaufen (Raki war wohl das wichtigste), noch einmal gut essen - türkisch natürlich, tanken.
Helas, denn es war so schön!
Der Himmel hatte zum Abschied alle Schleusen geöffnet, es schüttete aus Eimern, die Straße hatte sich in Seen verwandelt - doch Fritzchen war tapfer. Jetzt stellte sich allerdings heraus, unsere Windschutzscheibe war nicht dicht, sogar sehr - undicht! Es tropft auf mein Knie, auf meine Füße, so meuterte mein mit Regen, Sturm und Seen kämpfendes nebenan. Nun, ich versuchte, bewaffnet mit Schwämmen und Lappen, die Rinnsale im Wagen zu bekämpfen. Mit nicht gerade großem Erfolg.
Am Zoll Türkei - Yunanistan ging es diesmal schneller.
Nach ungefähr 70 km beschlossen wir uns einen Standplatz zum Schlafen zu suchen. Es goss noch immer, auch drinnen im Fritzchen war es reichlich nass. Betten bauen bei geschlossenem Wagen, einen Platz für die Füße finden wo es nicht tropfte. - Und der Mayer suchte wieder mal die Weinflasche -!

27. September 1964
Gegen 7:30 wurden wir von Jägern geweckt. Der Regen hatte zu unserer Freude auch aufgehört.
Zoll Griechenland – Jugoslawien
Die griechischen Zöllner schrieben und schrieben und waren nicht gerade freundlich, doch der jugoslawische mimte so langsam, kontrollierte alles doppelt, man hatte den Eindruck von Schikane. Auf der Autobahn kamen wir zügig vorwärts. Hinter Nis suchten wir wieder einen Standplatz für die Nacht. Doch kaum waren wir mit umbauen beschäftigt, da kam ein Auto, - hielt, jemand stieg aus, schaute kritisch durch die Gegend - stieg wieder ein, fuhr 100 m weiter, blieb wieder stehen. Ein Räuber - ein Gangster? Die Sache war etwas unheimlich, so wurde alles wieder eingepackt und wir fuhren noch einige km weiter. Diesmal fanden wir einen angenehmeren Platz, ganz in der Nähe eines Bauernhofes wie sich am anderen Morgen rausstellte.

28. September 1964
Gerade aufgestanden, kamen auch schon Oma und Opa, Lumpen um die Füße gewickelt, angetrottet um uns Guten Morgen zu sagen. Die Mienen wurden noch freundlicher als sich rausstellte, dass wir Deutsche waren und Opa, seine ihm im Gedächtnis gebliebenen Worte deutsch anwenden konnte.
Weiter ging es auf guter Autobahn bis Zagreb. Dort ein kurzer Halt zum Einkaufen und kaffeetrinken. Dann nahmen wir Kurs Richtung Österreich - Graz. Zur Grenze hin mussten wir noch einmal über teils sehr schlechte Straßen rumpelnder Weise hinschleichen. Freundliche Zöllner, sanfte Hügellandschaft, die ersten Zwiebeltürme tauchten auf - Österreich!
Es wurde dunkel, wir waren auf dem Land, so mit hier mal und da mal ein Haus, und plötzlich lechzte Fritzchens Magen nach Öl. Keine Tankstelle, aber bei jedem Schalten ein mahnend aufblitzendes grünes Licht am Armaturenbrett. Doch trotzdem und trotz einigen Umwegen (verfahren, verfahren) kamen wir alle am späten Abend in Oberfladnitz heil an.

4 Tage Landleben zur Erholung!
Lange schlafen, bäuerliches kräftiges Essen - Landbrot und Schinken, Most und Apfelschnaps, alles selbstgemacht, Es war unheimlich gut! Ich fühlte mich so richtig wohl.
Ein Besuch der alten trutzigen Riegersburg, an einem anderen Tag ein Bummel durch das friedliche liebenswürdige Graz. Nie hätte ich geglaubt, dass Österreich, zumal das südliche, in seiner Art so verschieden von Deutschland ist.

3. Oktober 1964
Heim nach Genf mussten wir, obwohl ich gern noch ein paar Tage geblieben wäre.
Zum Abschied gab es liebenswürdigerweise einen wunderschönen Sonnenblumen Strauß und natürlich ein Paket voll leckerer Fressalien.
Dann kam die Heimfahrt mit Hindernissen. Als erstes ein Unfall der uns 1,5 Stunden in einer Schlange stehen und warten ließ, um Innsbruck ein entsetzlicher Regen und in der Schweiz dann dichtester Nebel.
Am Sonntagmorgen gegen 9:00 Uhr waren wir endlich in Genf, todmüde doch wohlbehalten und glücklich.

Reiseroute:
Genève – Brigue – Simplon – Domodossola – Stresa am Lago Maggiore – Milano – Verona – Bibione Pineda – Venezia – Triest – Rijeka – Crikvenica – Zadar – Pakostane – Sibenik – Split – Omis – Dubrovnik – Herzog Novi – Prcanj – Tivat – Insel Sveti Marko – Bucht von Kotor – Titograd – Moraca Schlucht – Kolasin – Pec – Skopje – Saloniki – Alexandroupolis – Kavala – Ipsala – Kesan – Sarköy – Tekirdag – Istanbul – Ismit – Bolu – Gerede – Ankara – Konya – Taurus Gebirge – Manavgat – Aspendos – Antalya – Budur – Dinar – Denizli – Aydin – Izmir – Ephesus – Kusadasi – Soeke – Akköy – Milet – Bergama – Canakkale – Kesan – Yunanistan (Griechenland) – Nis – Zagreb – Oberfladnitz – Riegersburg – Graz – Innsbruck – Genf.

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