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Tagebuch

Tagebuch einer 8 Tagereise nach Spanien im Jahre 1964


aufgeschrieben von Ursula K.

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6. Juni 1964:
Eigentlich sollte es heißen: eine Küstenreise von Ventimiglia bis Tarragona und somit wäre dann auch die Côte d’Azur erwähnt, die in unsere Reise eingeschlossen war. Laut Freunden und Bekannten natürlich eine viel zu große Strecke für so eine kurze Zeit, viel zu anstrengend - nein das wäre kein Urlaub! Dass aber ein Platz- und Klimawechsel schon Entspannung sein kann, kam nur wenigen in den Sinn. Zumal ich die Fahrt mit gleichgesinnten und ebenso unternehmungslustigen Leuten startete: Josef, und Fritzchen, unser treues Automobil, ein Renault Dauphine. Trotzdem ihm ein zu gewagter Lastwagen-Torero in die rechte Seite fuhr, brachte er uns wieder wohlbehalten nach Genf. Doch von diesem Malheur später, denn der Reihe nach erzählen wäre vielleicht übersichtlicher.
Start der Reise zum Meer, zur Sonne und zum Rummel der deutschen Erholsamkeit an der Costa Brava war Genf, 6.6.1964, 04:30 Uhr morgens.
Die erste Etappe ging über Annecy, Aix-les-Bains, Chambéry, Grenoble bis nach Sisteron zu Cafe und Croissants.
Annecy hatte sich noch dicht ins Morgengrauen gehüllt und schlief, wohingegen zwei Stunden später uns in Grenoble ein sehr geschäftiger Samstagmorgen empfing.
Grenoble ist sehr hübsch zwischen Bergmassiven gelegen und hat eine reizvolle Altstadt, die wir demnächst auf einer Sonntagsfahrt mal entdecken wollen.
Übrigens gibt es in dieser Gegend viele, viele Walnussbäume, die uns weit südlich begleiteten - ungefähr bis Castellane - wo wir dann die ersten Oliven- und Eukalyptusbäume sahen. Die Berge rückten bald näher, bald gab es weite Täler zwischendurch, dann galt es wieder einen der kleinen Pässe mit unzähligen Kurven zu überwinden, die Steine und Felsen wechselten ihre Farben von hellem Grau bis zu kräftigem Rot, wirklich eine interessante und abwechslungsreiche Landschaft. Dazu kamen leere Straßen und prächtiges Wetter, die es uns erlaubten, alles voll zu genießen.
Grasse, die Stadt, die Parfümessenzen und Parfüm für ganz Europa, ja selbst für die ganze Welt herstellt, empfing uns mit einem berauschenden Duft. Nicht penetrant, sondern wohldosiert; eine wahre Wonne für die strapazierte, an Stadtmief gewöhnte Nase.
Herrliche Blumen, vor allem Oleander, Palmen und Pinien, ließen uns schon die Nähe des Meeres spüren. Und über allem strahlender Sonnenschein, noch nicht unerträglich heiß und ermüdend, sondern wohltuend warm.
In der Bucht von Cap d’Ail haben wir dann das erste Mal im Meer gebadet! Dieser Strand war mir übrigens von einem früheren Urlaub her bekannt. Anschließend ging es weiter in Richtung Ventimiglia, also Italien. Dort wollte sich Josef das Bungalowdorf 'Europaville' ansehen. Nach mehrmaligem Vorbeifahren fanden wir es doch noch, gelegen an einem Abhang zum Meer, die einzelnen Häuschen versteckt zwischen Olivenbäumen. Leider war alles belegt, sodass wir weiter, d.h. wieder zurück nach Frankreich fahren mussten. In der Nähe von Vallauris blieben wir dann über Nacht.

7. Juni 1964:
Am nächsten Morgen gab es eine kleine Promenade in Cannes, im Gegensatz zu Nizza ein wirklich schöner Snobferienort.
Nach Théoule-sur-Mer wird die Küste plötzlich felsig, rot; außerdem fanden wir eine herrliche Bucht, die für unser Frühstück und ein morgendliches Bad sehr geeignet erschien. Cote d‘Or - roter, kaminroter Felsen, verlockend türkisfarbenes klares Wasser und sogar freier Zugang zum Meer, was bei regem Landkauf und der Bautätigkeit nur noch selten ist. Das gleiche Problem ergibt sich auch an der Costa Brava. Fast jedes Seegrundstück ist Privatbesitz, nur wenige Stellen bieten noch freien Zutritt zum Meer. Doch weiter auf unserer Fahrt zum Süden. Kurzer Halt in Agay, einen Blick auf den Campingplatz, ein weiterer Stopp in dem so berühmten wie berüchtigten St. Tropez. Was keinem von uns gefiel, denn es ist weder stilvoll noch romantisch. Wir haben auf unserer weiteren Reise weniger bekannte aber dafür reizvollere Orte kennengelernt.
Am Cap Camarat suchten wir vergeblich nach den bekannten Häusern, die landschaftsarchitektonisch so hervorragend sein sollen. Waren sie wirklich so gut versteckt?
Die schönste und üppigste Landschaft, die wirklich wie ein paradiesischer großer Garten anmutete, durchfuhren wir bei Hyeres, Toulon, Sanary-sur-Mer, la Ciotat. Zwischen Palmen, Zypressen und Olivenbäumen wird hier der erste Wein angebaut. Nicht an Berghängen, sondern auf Feldern. Hier sahen wir am Straßenrand und an Feldrainen den ersten wilden Hafer und die ersten Rohrhecken. Ungefähr 30 km vor Marseille wechselt das ganze Landschaftsbild. Plötzlich, kahle, vom Wind glattgeschliffene Felsen ohne Baumbewuchs bauten sich vor uns auf. Dort trafen wir auf die erste, wohl vor jeder Großstadt unvermeidliche sonntagabendliche Autoschlange. Ein ohrenbetäubendes Hupkonzert bei einer Tunnelpassage zeigte aber, dass sich so etwas den Marseillern keineswegs auf ihre Lebensfreude schlägt. Da das ganze Getöse nur einige Meter andauerte, stimmten wir natürlich belustigt mit allen verfügbaren Tönen ein.
Marseille ist eine riesige, sehr lebendige Stadt, nur, je näher man zum Hafen kommt, desto intensiver wird der Gestank. Sicher ist es sehr interessant unter der Führung von Einheimischen hier auf Entdeckungen zu gehen. Doch wir durchfuhren sie nur, denn wir wollten vor Einbruch der Dunkelheit noch ein Stück weiterkommen. Einige Kilometer vor Arles, also schon fast in der Camargue, wurde dann zum zweiten Mal übernachtet.

8. Juni 1964:
Am anderen Morgen, den 8.6., machten wir das erste Mal Bekanntschaft mit dem Mistral. Oh, es wehte ganz kräftig und vor allem anhaltend. Trotzdem es ging weiter über Arles, Montpellier und Perpignan Spanien entgegen. Bei Portbou ging es ohne warten über die Grenze. Und dann lag sie vor uns, die wilde Küste (Costa Brava); blaues Meer gerahmt von roten Felsen, teils bizarr zerklüftet, teils sogar Steilküste, bergauf, bergab um unendlich viele Kurven und - noch nicht vom lauten Touristenschwarm überflutet.
In Puerto de la Selva gab es wieder Bungalows zu besichtigen. Direkt am Meer gelegen sehr geschmackvoll und wohnlich eingerichtet. Nach einigem Palaver über Wohn- und Landpreise - um das zu erfahren und direkt anzusehen war ja der Sinn der Reise - fuhren wir weiter nach Cadaqués. Eigentlich wollten wir den Club Méditerranée besuchen, doch das Gelände war 7 km außerhalb gelegen und nur über eine Staubwolke aufwirbelnde Schotterstraße zu erreichen. Wir gaben es nach 2 km auf. Cadaqués selbst ist ein reizvoll gelegener Fischerort und bestimmt eine Ferienreise wert.
Als nächstes stand Palafrugell auf unserer Liste. Kims Camping wollten wir sehen. Ein großer schöner Campingplatz, leider nicht am Meer gelegen; die Bungalows entpuppten sich dort als primitive Hütten - mit Segeltuch bespannte Bettgestelle waren das einzige Mobiliar. Hier kam auch der erste Kontakt mit den Spaniern selbst zustande. Freundlich und zuvorkommend wie sie uns im Laufe der nächsten Tage immer wieder begegnet sind.
An diesem Abend hatten wir alle einen gewaltigen Hunger, die Brot und Wurst und Wurst und Brot Esserei waren wir alle einstimmig leid und somit war der Anlass gegeben, endlich mal wieder richtig essen, fressen, schlemmen! Wir haben im Laufe des Abends sicher alle 3 Stufen durchgestanden. In Llafranch war es, ganz in der Nähe von Palafrugell. Bei dem Mahl konnten wir Josef auch überzeugen, wie wohlschmeckend und gut Fisch sein kann. Der aufmerksame Maître hatte uns nämlich eine köstliche Fischplatte serviert, ganz zu schweigen von der guten Flasche Rosé. Danach noch ein Zigarettchen in den angeleuchteten Felsen der Bucht bei Meeresrauschen. Es war romantisch, wirklich.

9. Juni 1964:
Am anderen Tage beim Blick von St. Sebastian auf die Bucht und Ort Llafranch waren wir auch alle überzeugt, den schönsten Ort der ganzen Costa Brava gesehen zu haben. Auf dem Markt in Palafrugell wurde für das nächste Picknick eingekauft (köstlich aromatische Walderdbeeren u.a.) und gefrühstückt. Dann reihten wir uns wieder in die deutsche Autoreihe ein und rollten dem Touristenrummel entgegen.
Palamos, Tossa de Mar, Blanes, Calella, riesige weithin sichtbare Hotels. Blond und braun die Urlauberscharen - die verschiedensten Deutschakzente mischten sich mit Musikboxklängen. Welch erholsame, nervenberuhigende Umgebung! URLAUB!!!
Uns konnten auch die schönsten Strände nicht zum Bleiben in dieser Betriebsamkeit bewegen. Wir ergaben uns erst hinter Barcelona, in Castelldefels, der Badelust. Für den 10.6. ließen wir uns dort, in dem Campingplatz Ballena Allegre, Bungalows reservieren und fuhren, nachdem wir unseren Hunger mit einer leckeren Pizza gestillt hatten, weiter bis nach Tarragona, dem südlichsten Punkt unserer Reise. Kurz vor der Stadt fanden wir durch Zufall ein Hotel, so ganz nach unseren Wünschen, mit einem „Koch“ (an die Paella werde ich noch lange denken, und an den Tarragona besser gar nicht, sonst wird mein Durst zu groß) flotten, freundlichen Kellnern und vor allem - nicht teuer. Der Strand, der schönste an dem wir badeten, ist durch den Garten in 2-3 Minuten erreichbar. Tarragona lernten wir abends kennen. Bei einem Eis auf der Renn-Avenida konnten wir die Ausdauer der spanischen Jugend bewundern, die sie bei dem auf und ab promenieren - laufen zeigte. Um 22.00 kurz vor Ladenschluss erstanden wir noch eine Flasche Champagner, denn auch wir waren von den billigen Preisen für Spirituosen angetan.

10. Juni 1964:
Der nächste Tag, ein Mittwoch, wurde gefaulenzt. Lange geschlafen, gebadet, gesonnt und anschließend gut und lange gegessen. Zum Abend fuhren wir zurück nach Castelldefels, wo die bestellten Bungalows auf uns warteten. Dieser Campingplatz, Ballena Allegre, ist ein sehr großes Gelände, in dessen Pinienwald sich alle gut durchdachten Anlagen, wie Duschen, Waschräume, Toiletten, Wasch- und Bügelräume, sowie ein großes Speiserestaurant und 2 Bars verstecken. Ein langer feinsandiger Strand, ein Kinderspielplatz, 2 große Geschäfte und ein Friseur vervollständigen die Sache. Alles ist gut organisiert und es herrscht trotz der vielen Leute angenehme Ruhe.
Barcelona, sehr nahegelegen, wollten wir uns am Donnerstag ansehen, doch weit kamen wir mit dem Vorhaben nicht. Nachdem wir Karten für den Stierkampf gekauft hatten, wollten wir zum Hafen. Doch an der Columbussäule im dichtesten Verkehr kam dann der schon erwähnte Lastwagen-Torero, (und fast jeder Autofahrer fühlt sich in Barcelona als Torero) schnitt uns beim Überholen und fuhr unseren rechten Kotflügel zu Blechgekräusel. Großes bla- bla-, natürlich auf spanisch - zuerst mit dem Chauffeur, dann nach einer 3/4 Stunde mit der Polizei. Oh, es war hinreißend! Wir versuchten den Touring-Club zu erreichen, dann die Versicherung, geschlossen, und dass nachmittags um 17.00! Manana!!! In nicht mehr so ganz gehobener Ferienstimmung eilten wir dann zum Stierkampf. Wir hatten das Glück unter Deutschen zu sitzen, neben mir, rechts, übermittelte ein Kölner lautstark und schön platt den Kommentar zum Geschehen in der Arena. “Dat sin de Piccadores die up dem Päd! Su jetz han ich 36 Bilder jemat dat mus jenöge. Han se och ne 25 sek. jenomme? Nä!!!
Der Kampf zwischen Stier und Torero ergab sich natürlich trotz manch gefährlicher Situation immer als Sieg für den elegant wendigen und mit olé angefeuerten Torero. Um die erregten Nerven nach dem Spektakel etwas zu beruhigen, bummelten wir abends noch die Rambla, die bekannte Promenaden-Allee, bis zum Hafen um letztlich doch noch einen Blick auf die nachgebaute Santa Maria des Columbus zu werfen.

11. Juni 1964:
Den nächsten Tag, den wir eigentlich mit baden verbringen wollten, hockten wir auf der Polizei. Endeffekt: nach 6 Stunden warten ein geschickt geschriebenes Protokoll, wo beide Aussagen drin enthalten sind. Ein Glück, dass wir französisch sprachen, sonst hätten wir den Leuten überhaupt nicht klar machen können was wirklich passiert war. Die Hoffnung auf Ersatz ist jedenfalls nach Rücksprache mit dem hiesigen Automobil-Club sehr gering. Bei allem hatten wir aber noch großes Glück, denn der Scheinwerfer war heil geblieben und so konnten wir trotzdem ohne Schwierigkeiten heimfahren. Mit erleichtertem Aufatmen verließen wir spätnachmittags Barcelona, um in Richtung Blanes zu fahren. Dort wurde eingekauft, eine hübsche schwarz/weiße Handtasche für mich, ein kleiner Ballon würzigen Tarragona für die Reise und für jeden eine Luftflasche. Mit diesem Unikum haben wir beim Trinken-üben schon so manche schadenfreudige Träne gelacht. Einige Lachsalven sind uns auch noch sicher, denn bis jetzt kann noch keiner den Weinstrahl richtig platzieren.
Gleich hinter Blanes fanden wir freie Zimmer in einem Bungalow-Gelände.

12. Juni 1964:
An unserem letzten Tag in Spanien besuchten wir Contracta. Ein deutsches Unternehmen, das in Lloret de Mar große Flächen Land gekauft hat; jetzt entstehen dort die verschiedensten Häuser und Bungalowtypen, sehr schön gelegen an einem mit Oliven und Pinien bewachsenen Hang, mit Blick aufs Meer, dazu gehört ein eigener Strand.
Für uns gab es noch ein letztes Bad in einer wunderschönen Bucht, gleich hinter dem Campingplatz „Pola“, der wohl das schönste Gelände an der Costa Brava besitzt, dafür auch unangenehm teuer ist. Noch einmal einkaufen fürs Picknick und dann ging es in Richtung Grenze. So wie wir in flachere Gegend kamen, trafen wir auch wieder auf den starken Wind.
Kurz vor Figueras gab es noch einmal eine Überraschung, und zwar in Form eines platten Vorderpfötchens. Der Schaden war jedoch schnell behoben und weiter ging es, über die Grenze bei Le Perthus, dann Perpignan, Narbonne, Béziers, Meze bis kurz vor Montpellier. Auf einem Campingplatz, von Weinfeldern umgeben, wurde zum letzten Mal übernachtet.

13. Juni 1964:
Anderntags begann dann für uns die letzte Etappe, die Heimreise. Bei unserer Einfahrt über St. Julien nach Genf haben wir dieser Stadt wohl eines der schönsten Komplimente gemacht, denn als wir sie plötzlich mit dem See auftauchen sahen, jubelten wir alle ganz spontan los: Schau mal Genève, der Jet d`Eau, wie schön!
Und das nach einem herrlichen Urlaub!!!

Reiseroute:
Genève – Annecy – Aix-les-Bains – Chambéry – Grenoble – Sisteron – Castellane – Grasse – Cap d’Ail – Ventimiglia – Nizza – Vallauris – Cannes – Théoule-sur-Mer – Agay – St. Tropez – Cap Camarat – Hyeres – Toulon – Sanary-sur-Mer – la Ciotat – Marseille – Arles – Montpellier – Perpignan – Portbou – Puerto de la Selva – Cadaqués – Palafrugell – Llafranc – Barcelona – Castelldefels – Tarragona
Tarragona – Barcelona – Blanes – Lloret de Mar – Figueres – Le Perthus – Perpignan – Narbonne – Béziers – Meze – Montpellier – St. Julien – Genève

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